Der Sparhaushalt des Stuttgarter Gemeinderats trifft Wohnungslose hart: In den vier Tagesstätten für Menschen, die von Armut und Wohnungslosigkeit bedroht sind, muss das Angebot eingeschränkt werden. Ab Mai sind die Tagesstätten dienstags teilweise geschlossen, das warme Mittagessen fällt weg. Die eva Evangelische Gesellschaft, der Caritasverband für Stuttgart, die Ambulante Hilfe und der Sozialdienst katholischer Frauen ziehen damit gezwungenermaßen die Konsequenzen aus den Kürzungen im Sozialetat.
Der Andrang ist groß: Jeden Tag ist die Schlange der Wartenden lang, bevor eva’s Tisch um 11.30 Uhr öffnet. Rund 130 Mittagessen pro Tag werden von Montag bis Freitag im Haus der Diakonie in der Büchsenstraße in der Stuttgarter Innenstadt für Menschen ausgegeben, die von Armut und Wohnungslosigkeit bedroht sind. Wer nach 12 Uhr kommt, geht meistens leer aus, weil die Kapazitäten begrenzt sind. Der Bedarf nach kostengünstigem Essen ist hoch und die Nachfrage steigt. Trotzdem wird es ab Mai am Dienstag keinen Mittagstisch für einen Euro in der eva geben. "Es fällt uns sehr schwer, die Menschen nicht mehr so versorgen zu können, wie wir das möchten. Aber wir können nicht anders handeln. Die Kürzungen von zehn Prozent der Zuwendungen durch die Stadt Stuttgart lassen uns keine andere Wahl", sagt Birgit Auer, die Leiterin der Stadtmission bei der eva, die für die Tagesstätte Wärmestube und für eva’s Tisch verantwortlich ist.
Warum haben 10 Prozent Kürzungen eine solche Konsequenz? Der Grund: Die Finanzierung der Angebote für Wohnungslose war schon vorher nicht auskömmlich. "Wir haben bislang bereits 20 Prozent der Kosten für die Angebote der Stadtmission mit Spenden finanziert, um Menschen in Not versorgen zu können. Dafür sind wir den Spenderinnen und Spendern sehr dankbar. Wir hatten gehofft, dass der Rotstift nicht auch bei den Ärmsten angesetzt würde", sagt Christa Musch, Abteilungsleiterin für Menschen in Armut, Wohnungsnot und Migration bei der eva. Jetzt müssen Personalkosten reduziert werden, was bedeutet, dass die Tagesstätte am Dienstag erst ab 15 Uhr geöffnet werden kann.
Die eva geht diesen Schritt nicht allein: Auch andere Träger haben sich gezwungenermaßen dazu entschieden, die Öffnungszeiten ihrer Tagesstätten für wohnungslose Menschen einzuschränken. Der Caritasverband für Stuttgart bietet in der Tagesstätte Olga 46 täglich kostenloses Frühstück an, es gibt ein preiswertes Mittagessen, die Möglichkeit zu duschen und Wäsche zu waschen. Ab Mai allerdings dienstags und donnerstags nur noch bis 10 Uhr, die Tagesstätte schließt an diesen Tagen künftig nach dem Frühstück. Für die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist es bitter, Menschen in prekären Verhältnissen abweisen zu müssen: "Die Not in Stuttgart wächst und wächst - immer mehr Menschen sind von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen und nutzen unser Angebot. Umso härter ist der Zeitpunkt der Kürzungen", sagt Kai Koch, Teamleiter der Tagesstätte Olga 46.
Ebenfalls schon um 10 Uhr schließt ab Mai auch das Café 72, eine Tagesstätte für Menschen mit und ohne Wohnung der Ambulanten Hilfe in Bad Cannstatt. Dienstags ab 10 Uhr gibt es dann keine kostenlose Ausgabe mehr von Bäckerspenden, keine Beratung, keine frische Kleidung, kein Zugang mehr zu Waschmaschine und W-Lan. "Ausgerechnet die Menschen, die sowieso am Rand stehen und nichts haben, geraten jetzt noch mehr unter Druck durch diese unsozialen Sparmaßnahmen", sagt Andrea Günther, Geschäftsführerin der Ambulanten Hilfe. "Die zehn Prozent weniger Zuwendungen durch das Amt für Soziales und Teilhabe wirken sich zwangsweise auf unsere Öffnungszeiten aus, weil auch wir Personal reduzieren müssen", so Günther weiter.
Ingrid Stoll vom Tagestreff "Femmetastisch" in der Heusteigstraße blickt mit großer Sorge auf die geplanten Kürzungen im sozialen Bereich. Ihrer Erfahrung nach sind insbesondere Frauen in prekären Lebenslagen davon überproportional betroffen. "Wir erleben täglich, wie groß die Not unserer rund 50 Besucherinnen ist", berichtet sie. Für viele sei der Treff ein unverzichtbarer Rückzugsort: Hier können sie duschen, erhalten ein Mittagessen und ein Vesper - vor allem aber finden sie einen geschützten Raum, in dem sie sich gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Umso schwerer wiegt es, dass auch das Team von "Femmetastisch", einer Tageseinrichtung für Frauen unter dem Dach des Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Diözese Rottenburg-Stuttgart (SkF), nicht umhinkommt, die Öffnungszeiten anzupassen. Damit wird ein Angebot eingeschränkt, das für viele Frauen eine wichtige Stütze im Alltag darstellt.
Warum sich die Tagesstätten nicht abwechseln und jeweils zu anderen Tagen ihr Angebot beschränken, hat einen Grund: Keine der vier Tagestätten wäre in der Lage, mehr Menschen als die übliche Zahl an Besucherinnen und Besuchern zu versorgen. Wenn Gäste von geschlossenen Tagesstätten zu den geöffneten kommen würden, müssten diese abgewiesen werden. Die Gefahr, dass sich hier Frust und Wut entlädt, ist groß. "Das ist ein Sicherheitsproblem, wir haben auch eine Verantwortung unseren Mitarbeitenden gegenüber", sagt Miriam Schiefelbein-Beck, Leiterin der Offenen Hilfen beim Caritasverband für Stuttgart.
Die Träger der Tagesstätten haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht und versuchen die Schließzeiten so gering wie möglich zu halten. So sorgen die Mitarbeitenden dafür, dass es an diesen Tagen zumindest ein Frühstück oder Vesper geben kann.
Mehr Infos zu den Tagesstätten stehen hier:
Café 72 - Ambulante Hilfe e.V.
Hinweis an die Medien:
Wenn Sie in den einzelnen Tagesstätten recherchieren und mit den Verantwortlichen vor Ort sprechen möchten, melden Sie sich gerne bei:
eva Evangelische Gesellschaft: Dorothee Schöpfer, dorothee.schoepfer@eva-stuttgart.de, Telefon 0711 2054-395
Caritasverband für Stuttgart: Katja Kubietziel, k.kubietziel@caritas-stuttgart.de, Telefon 0711 2809-2700.
Ambulante Hilfe e.V.: Andrea Günther, guenther@ambulantehilfestuttgart.de, Telefon 0711 520 45 45 13
Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Diözese Rottenburg-Stuttgart, Tagestreff Femmetastisch: Ingrid Stoll, i.stoll@skf-drs.de, Telefon 0711 248923-24
Eine gemeinsame Pressemitteilung der Caritas Stuttgart, eva Evangelische Gesellschaft, Ambulante Hilfe e.V., Sozialdienst katholischer Frauen e.V.