Seit einem Jahr gibt es in Stuttgart einen Drogenkonsumraum: KOMBO - der "Konsumraum mit Beratung und Orientierung" in der Lazarettstraße im Leonhardsviertel. Getragen vom Caritasverband für Stuttgart und Release Stuttgart, schließt das Angebot eine lange bestehende Versorgungslücke in der Suchthilfe der Landeshauptstadt. Die erste Bilanz nach zwölf Monaten fällt eindeutig positiv aus.
Fast 200 suchtkranke Menschen sind seit der Eröffnung bei KOMBO registriert, Monat für Monat werden inzwischen bis zu 400 Konsumvorgänge begleitet. Viele der Nutzerinnen und Nutzer haben zuvor auf der Straße konsumiert - in Hauseingängen, Parkhäusern oder Grünanlagen, häufig unter schlechten hygienischen Bedingungen und mit erheblichen Risiken für Leib und Leben.
"Ein Drogenkonsumraum ersetzt keinen Ausstieg aus der Sucht - aber er ist Überlebenshilfe", sagt Stefan Michel, Bereichsleiter Sucht- und Sozialpsychiatrische Hilfen beim Caritasverband für Stuttgart. "KOMBO ermöglicht Konsum unter Aufsicht, reduziert gesundheitliche Risiken und schafft gleichzeitig Zugänge zu Beratung und weiterführender Hilfe. Genau diese Kombination macht das Angebot so wirksam."
Niedrigschwellig, sicher und medizinisch begleitet
Die Einrichtung bietet drei geschützte Konsumplätze für intravenösen, oralen und nasalen Konsum sowie eine separate Inhalationsbox ("Smokebox"). Alle Bereiche sind hell, vollständig einsehbar und hygienisch ausgestattet. Konsumutensilien werden kostenfrei bereitgestellt. "Hygiene und Sicherheit haben bei uns oberste Priorität", erklärt Elena Feller, Leiterin von KOMBO. "Alle Oberflächen sind abwasch- und desinfizierbar, die Menschen erhalten sterile Utensilien. Unsere Mitarbeitenden sind medizinisch geschult - vom Verbandswechsel bis zur akuten Notfallversorgung." Bereits mehrfach mussten Rettungsdienste alarmiert werden. "In mindestens einem Fall wäre die Person ohne den Konsumraum wahrscheinlich gestorben", so Elena Feller.
Neben dem Konsumraum selbst umfasst das Angebot einen Kontakt- und Aufenthaltsbereich, Beratung, medizinische Ersthilfe sowie tagesstrukturierende Elemente. Die Beratungsangebote sind freiwillig und orientieren sich am Bedarf der Nutzerinnen und Nutzer. Elena Fellers erste Bilanz: "Die Menschen schätzen, dass wir da sind, zuhören und nur dann unsere Beratung anbieten, wenn sie wirklich gewünscht ist." Sollte es aufgrund von Psychosen oder Alkohol zu gefährlichen Situationen kommen, kann ein Sicherheitsmitarbeiter eingreifen, der während der Öffnungszeiten im Haus ist. Der Konsumraum ist vom Konzept her auf eine 7-Tage-Öffnung pro Woche angelegt, denn: Sucht kennt kein Wochenende. Durch Kürzungen in der Förderung durch die Landeshauptstadt Stuttgart musste die Sonntagsöffnung jedoch wieder eingestellt werden.
Hohe Akzeptanz - auch im Umfeld
Anfangs sei die Skepsis bei einigen Klient_innen groß gewesen, berichten die Träger: persönliche Daten anzugeben oder den eigenen Konsum zu benennen, sei für viele eine Hürde gewesen. Diese werde jedoch schnell abgebaut. "Die Menschen erleben hier Respekt, Verlässlichkeit und Schutz", sagt Bernd Klenk, geschäftsführender Vorstand von Release Stuttgart e. V.: "KOMBO ist weit mehr als ein Konsumraum - es ist ein Ort, an dem eine Beziehung und Vertrauen entstehen. Das ist entscheidend, um Menschen mit hohem Suchtkonsum überhaupt zu erreichen."
Auch aus polizeilicher Sicht bewährt sich das Konzept. Rund um den Standort wurden bislang keine besonderen Auffälligkeiten festgestellt. Alexander Stalder, Leiter der Kriminalpolizei Stuttgart, betont: "Der Drogenkonsumraum ist den Beamtinnen und Beamten bekannt. Durch die gezielte Steuerung des Aufenthaltsortes von Suchtkranken lassen sich unkontrolliertes Geschehen an öffentlichen Orten vermindern und das subjektive Sicherheitsgefühl stärken." Klar sei aber auch: "Drogenhandel - auch im Umfeld der Einrichtung - wird nicht toleriert."
Blick nach vorne: Hoffnung auf den neuen Standort
Die Verantwortlichen sehen im künftigen Standort in der Ossietzkystraße 6 noch deutlich mehr Potenzial: einen barrierefreien Zugang, mehr Platz für Beratung sowie tagesstrukturierende Angebote. Aufgrund der angespannten Haushaltslage der Stadt verzögert sich allerdings die Sanierung der städtischen Immobilie. Ein Umzug ist derzeit frühestens ab 2030 realistisch.
Unabhängig davon zeigt das erste Jahr: "Der Drogenkonsumraum ist ein unverzichtbarer Baustein in der Stuttgarter Suchthilfe", fasst Caritas-Bereichsleiter Stefan Michel zusammen. "Er rettet Leben, entlastet den öffentlichen Raum und schafft Perspektiven."
INFOBLOCK
KOMBO: An allen Wochentagen und an Feiertagen geöffnet
Der Konsumraum ist unter der Woche geöffnet von 9.00 bis 16.30 Uhr (Donnerstag nur von 13.00 bis 16.30 Uhr). An Samstagen sowie an Feiertagen, die unter die Woche fallen, sind die Öffnungszeiten 10.00 bis 15.30 Uhr. An Sonntagen ist wegen aktueller Sparmaßnahmen der Landeshauptstadt geschlossen. Außen am Haus befindet sich ein immer zugänglicher Spritzenautomat. In aller Regel gehen die Klientinnen und Klienten zuerst in den Caféraum im Erdgeschoss, wärmen sich auf, trinken oder essen etwas. Dann erfolgt im zweiten Obergeschoss die Registrierung. Gleich nebenan befinden sich die Konsumplätze.
Drogenkonsumräume in Deutschland und Baden-Württemberg
Die ersten Drogenkonsumräume in Deutschland wurden 1994 in Frankfurt a.M. und in Hamburg eröffnet. Aktuell sind in Deutschland 34 Drogenkonsumräume in 18 Städten in acht Bundesländern in Betrieb. Der Stuttgarter Konsumraum ist der dritte in Baden-Württemberg - in Karlsruhe existiert das Angebot seit 2019 und in Freiburg seit 2024. Grundlage dafür ist die 2019 vom Land Baden-Württemberg erlassene Verordnung zum Betrieb von Drogenkonsumräumen.
Beschluss und Finanzierung
Der Gemeinderat der Stadt Stuttgart hat 2021 die Einrichtung eines Drogenkonsumraums in der Landeshauptstadt beschlossen. Zur Sanierung des künftigen Standorts in der Ossietzkystraße 6 in der Nähe des Hauptbahnhofs wurden im Doppelhaushalt 2022/2023 Mittel in Höhe von 3,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Da diese städtische Immobilie zuvor umfassend saniert werden muss, wurde im ehemaligen "High Noon" in der Lazarettstraße ein Interimsstandort eingerichtet und Anfang Juni 2025 in Betrieb genommen. Der Bezug der Ossietzkystraße verschiebt sich aufgrund der Sparmaßnahmen im Doppelhaushalt 25/26 um ein Jahr und wird voraussichtlich Anfang 2030 stattfinden.
Träger von KOMBO
Der Caritasverband für Stuttgart e.V. und Release Stuttgart e.V. tragen das integrierte Angebot gemeinsam. Beide Träger sind unter anderem über den Suchthilfeverbund und das Kommunale Suchthilfenetzwerk eng in das Stuttgarter Suchthilfesystem eingebunden und verfügen über langjährige Erfahrungen in der niedrigschwelligen Arbeit mit Drogenkonsument_innen mit hochriskanten Konsummustern illegaler Substanzen.
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