„Ich habe bei der Caritas sehen gelernt“ – Abschied von Dr. Brigitta Florian

Dr. Brigitta Florian war 15 Jahre lang erst Geschäftsführerin dann Vorständin des Caritasverbandes für Stuttgart e.V. Sie war die erste Frau in diesem Amt und maßgeblich an der Weiterentwicklung des Verbandes zu einem wirtschaftlich soliden Komplexträger beteiligt. "Frau Dr. Florian war eine beeindruckende Persönlichkeit mit Tatkraft und Profil. Kaufmännischer Weitblick, ein großes Herz für die Menschen und Pragmatismus haben ihr Führungshandeln geprägt. So ist es ihr gelungen, unseren Verband gut durch die herausfordernden 1980er-Jahre zu führen und Grundlagen zu schaffen, auf denen wir heute noch aufbauen", so Vorstand Raphael Graf von Deym. Vorständin Alexandra Stork fügt hinzu: "Voller Dankbarkeit und Respekt gedenke ich dem Lebenswerk von Frau Dr. Florian."
Zum 100-jährigen Jubiläum 2017 blickte die ehemalige Vorständin in einem Interview auf ihre Zeit bei der Caritas zurück: "Das war die schönste Zeit meines Berufslebens. Im Mittelpunkt standen immer die Menschen. Ihre Not sehen und handeln, das war unser Anliegen."
Dr. Brigitta Florian wurde am 22. Februar 1935 in Bad Cannstatt geboren. Ihre Kindheit verlief behütet in einem, wie sie selbst sagte, "bürgerlichen Hause" bis zum Ausbruch des Krieges. Im Jahr 1941 suchte sie gemeinsam mit ihrer Mutter Schutz vor den zunehmenden Fliegerangriffen und lebte zeitweise bei einer Tante auf einem Gut in Ostpreußen, später bei ihren Großeltern in Brünn. Von 1944 bis 1947 wohnte sie mit ihrer Mutter in München und besuchte dort nach Kriegsende das Realgymnasium. Im Jahr 1947 zog die Familie nach Wien, wo Brigitta Florian ihr Abitur machte und 1955 ihr Studium an der Hochschule für Welthandel in Wien aufnahm. Im Jahr 1960 erlangte sie den Doktorgrad der Handelswissenschaften.
Ihre berufliche Laufbahn führte sie von einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft in Wien nach Ludwigsburg, wo sie als Prokuristin in einem Plastik- und Metallverarbeitenden Unternehmen tätig war und anschließend für eine Unternehmensberatung in Sindelfingen arbeitete.
Am 1. Juni 1986 nahm Dr. Brigitta Florian ihre Tätigkeit beim Caritasverband für Stuttgart e.V. als Geschäftsführerin auf: "Und dann bin ich zur Caritas. Nicht so genau wissend, was alles auf mich zukommt. Ich muss sagen, das war nicht leicht, aber meine Begeisterung ist gewachsen mit den Jahren."
1985 hatte der Stuttgarter Caritasverband 750 Mitarbeitende, als Dr. Brigitta Florian 2001 in den Ruhestand verabschiedet wurde, war die Zahl der Mitarbeitenden auf 1581 Mitarbeitenden gestiegen. Sie hat als Geschäftsführerin 1988 das Bischof-Moser-Hauses mit eröffnet und den Umzug der Verwaltung in die Strombergstraße begleitet. In ihrer Amtszeit wurde unter anderem das Migrationszentrum in Bad Cannstatt eröffnet und die erste Frauenpension, sie begleitete den Ausbau des betreuten Wohnens und die Gründung der Caritas Gemeinschaftsstiftung (heute Caritas Stiftung Stuttgart). Und im Jahr 2000, in ihrem letzten Dienstjahr, war sie bei der feierlichen Eröffnung des Kindergästehauses dabei.
Zu Beginn ihrer Dienstzeit sei mancher ob der Tatsache, dass nun eine Frau die Unternehmensleitung übernähme, etwas skeptisch gewesen, hat sie sich in späteren Jahren erinnert. Verunsichert hat sie das aber nicht: "Ich war bei meinem Dienstantritt bereits 50 Jahre alt und hatte somit auch schon einige Lebenserfahrung", hat Brigitta Florian in einem Rückblick auf ihre Arbeit einmal geschrieben. Sie habe bei der Caritas sehen gelernt: "Die materiellen und immateriellen Nöte in den Familien, von Drogenabhängigen, schutzlosen Frauen, von Obdachlosen, Flüchtlingen und Arbeitslosen. Und ich habe die Arbeit jener bewundern und wertschätzen gelernt, die sich der Nöte dieser Menschen annehmen und in der Hilfe für Benachteiligte ihre Aufgabe sehen."
Der MAV-Vorsitzende Thomas Hammer würdigt die Verstorbene: "Frau Dr. Florian hat es in einer nicht einfachen Situation in den 1980er-Jahren geschafft, dem Verband wieder Haltung und Ansehen zurückzugeben. Sie hat den Begriff der Dienstgemeinschaft für uns damals überhaupt erst verständlich gemacht. Bescheidenheit und Bodenständigkeit sind Attribute, die ihr nur ansatzweise gerecht werden können. Menschen wie Frau Dr. Florian haben Anteil daran, dass Unternehmen wie unser Caritasverband mehr sind als nur Arbeitgeber und für ganz viele von uns auch ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, vielleicht auch ein wenig Heimat im Arbeitsleben geben können. Wir werden ihr Andenken bewahren und die sie gekannt haben und erleben durften, werden sie nicht vergessen."
Stadtdekan Monsignore Dr. Christian Hermes sagt: "Ich erinnere mich an viele Begegnungen mit Dr. Brigitta Florian, die auch lange nach ihrem Ausscheiden noch von unserer Caritas und für unsere Caritas begeistert war und ihre Entwicklung mit großem Wohlwollen aufmerksam begleitet hat. Für mich war sie die ‚Grande Dame‘ unserer Stuttgarter Caritas. In großer Dankbarkeit nehmen Caritas und Stadtkirche und nehme ich persönlich nun Abschied von Brigitta Florian. Dass sie in der Festzeit von Weihnachten von uns gegangen ist, erinnert mich an die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. über die Liebe zu den Armen. Er erinnert daran, dass die Nächstenliebe gegenüber den Bedürftigen in der ganzen Geschichte des Christentums nie nur ‚als einfache moralische Tugend‘ verstanden wurde, sondern ‚als konkreter Ausdruck des Glaubens an das fleischgewordene Wort‘. Diesen Glauben hat Brigitta Florian gelebt, unprätentiös, klar und aufrichtig."
Gedenkgottesdienst in der Domkirche St. Eberhard
Am Samstag, 17.01.2026, 18:00 Uhr findet in der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart ein Gedenkgottesdienst für Dr. Brigitta Florian statt.
Unsere Anteilnahme am Tod von Frau Dr. Florian gilt allen ihren Angehörigen und Zugehörigen.
Wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren.
"Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten,
bei deiner Ankunft die Märtyrer dich empfangen
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Der Chor der Engel möge dich empfangen,
und mit Lazarus, dem einst armen,
mögest du ewige Ruhe haben."
(Antiphon "in paradisum" aus dem 8. Jahrhundert)
Vorständin Alexandra Stork und Vorstand Raphael Graf von Deym