OMID gibt Menschen Hoffnung
"Die Tatsache, dass ich hier sitze und mit Ihnen reden kann, das verdanke ich OMID," erzählt Frau J. Sie spricht in ihrer Muttersprache Tamilisch, ihre Dolmetscherin ist per Video zugeschaltet und übersetzt. Neben ihr sitzt Theresa Christiani, ihre Sozialarbeiterin aus dem Projekt OMID - frühe Hilfen für traumatisierte Geflüchtete. Frau J. ist vor etwa einem Jahr aus Sri Lanka nach Deutschland geflüchtet. Gewalterfahrungen in ihrem Heimatland haben sie schwer traumatisiert, sodass selbst alltägliche Aufgaben für sie kaum möglich sind.
Caritasverband für Stuttgart e.V. / Hugh Hinderlider
Aufmerksam hören ihr die Gäste im Begegnungsraum der Geflüchtetenunterkunft in Bad Cannstatt zu. An diesem Donnerstag ist Bischof Dr. Klaus Krämer zu Besuch, um sich über die Flüchtlingsarbeit in der Unterkunft, insbesondere aber über das Projekt OMID zu informieren. Auch Sozialbürgermeisterin Dr. Alexandra Sußmann ist der Einladung gefolgt. Begleitet wird der Besuch von Seiten des Bischofs durch Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb und die Flüchtlingsbeauftragte der Diözese, Justyna Höver, von Seiten der Stadt durch die Integrationsbeauftragte Ayse Özbabacan und Elif Polat von der Sozialplanung sowie vom Caritasverband, Vorständin Alexandra Stork, Bereichsleiterin Migration und Integration, Sabrine Gasmi-Thangaraja, sowie Mitarbeitenden von OMID.
Ein wichtiger Besuch zur richtigen Zeit: OMID wird zu gleichen Teilen vom Bischöflichen Ordinariat und der Landeshauptstadt Stuttgart finanziert. Aufgrund der Haushaltskürzungen der Landeshauptstadt um zehn Prozent stehen derzeit jeweils rund 351.000 Euro vom Bischöflichen Ordinariat und von der Landeshauptstadt zur Verfügung. Für 2027 sind weitere Kürzungen angekündigt. Die Förderung soll auf beiden Seiten nochmals um jeweils sieben Prozent reduziert werden. Damit würden die beiden Fördergeber zusammen 14 Prozent weniger Mittel als bisher zur Verfügung stellen.
Auch wenn die Finanzierung fürs kommende Jahr noch nicht vollständig gesichert ist, wurde bei dem Besuch deutlich, dass OMID sowohl fürs Bischöfliche Ordinariat als auch die Landeshauptstadt Stuttgart einen hohen Stellenwert hat und eine wertvolle Aufgabe leistet.
"Es ist unsere Aufgabe, diese Menschen gut zu begleiten," sagte Bürgermeisterin Dr. Alexandra Sußmann und bekannte sich zu einem offenen Stuttgart mit Willkommenskultur. Sie betonte, wie wichtig es gerade hinsichtlich der demokratischen Herausforderungen sei, in der Stadt Orte zu schaffen, an denen geflüchtete Menschen sich angenommen fühlen und ankommen können. Sie bedankte sich bei allen Mitarbeitenden der Flüchtlingshilfe für ihre tägliche Arbeit.
Caritasverband für Stuttgart e.V. / Hugh Hinderlider
Auch Bischof Dr. Klaus Krämer betonte die Bedeutung des Projekts: "In meiner weltkirchlichen Arbeit hatten für mich immer die Projekte, die mit Traumabegleitung zusammenhängen, einen hohen Stellenwert. Es ist wichtig, diese Menschen zu begleiten, damit sie Perspektiven für ihre Zukunft haben." Und er zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Mitarbeitenden: "Ich habe deutlich gespürt, wie engagiert Sie dabei sind."
Die Mitarbeitenden nutzten außerdem die Gelegenheit, um auf ein wichtiges Anliegen hinzuweisen: Rassistische Diskriminierung begegne ihnen im Alltag immer häufiger. Das Klima in der Gesellschaft gegenüber Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund habe sich verändert. Zugleich werde es schwieriger, Zivilcourage zu zeigen, da Menschen, die sich gegen Diskriminierung einsetzten, zunehmend mit persönlichen Konsequenzen rechnen müssten. Bischof Dr. Krämer und Bürgermeisterin Dr. Sußmann betonten, wie wichtig es sei, dass Mitarbeitende auch weiterhin für andere eintreten können, wenn sie Diskriminierung beobachten.
OMID - traumatisierte Hilfen für Geflüchtete
OMID bedeutet auf Persisch "Hoffnung" und bietet traumatisierten Geflüchteten seit 2014 niedrigschwellige Unterstützungsangebote. Klassische Therapieplätze sind rar, Sprachbarrieren, Bürokratie und lange Wartezeiten stellen für Geflüchtete oft unüberwindbare Hürden dar. OMID erfüllt hier eine wichtige Schnittstellenaufgabe. Ein speziell geschultes multiprofessionelles Team aus Psycholog_innen, Berater_innen und Sozialarbeiter_innen bietet in allen Unterkünften der Stadt Stuttgart vor Ort Beratungsangebote an, um traumatisierten Menschen frühzeitig und direkt psychosoziale Stabilisierung anbieten und sie an weiterführende Hilfeangebote vermitteln zu können.
Dass der Bedarf hoch ist, zeigen auch die Zahlen: Allein im Jahr 2025 fanden 1641 Einzelberatungsgespräche statt. In den vergangenen sechs Jahren waren es insgesamt rund 10.000 Gespräche. Und wenn Menschen wie Frau J. wieder langsam lernen, durch die Beratungen von OMID und weitere vermittelte Hilfen ihren Alltag zu bewältigen, so zeigt sich: OMID gibt Menschen Hoffnung und schenkt ihnen neue Perspektiven für ihre Zukunft. Hoffen wir nun, dass OMID auch in Zukunft möglichst viele Menschen beim Ankommen in Stuttgart unterstützen kann.