Bericht

Brauchen wir ein Mietpreisobergrenzengesetz?

Altbauhäuserfassade

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn konstatiert den Wohnraummangel, insbesondere bei bezahlbaren Wohnungen. 4400 Haushalte stünden in der städtischen Wohnungskartei, bräuchten also dringend eine Bleibe. Der soziale Wohnungsbau sei in der Vergangenheit vernachlässigt worden, jetzt
würde die Zahl der Sozialwohnungen aber langsam wieder steigen.

 

Kuhn: Selbst viele neue Wohnungen ändern nichts am Mangel

Seine Theorie: Selbst wenn in großem Stile auf der grünen Wiese gebaut würde, ändere das nichts am
Wohnungsmangel. Dann wollten noch mehr Leute nach Stuttgart kommen, so sei dies bei einer
Schwarmstadt. Er hätte sich Städte angeschaut, die auf der Grünen Wiese reichlich Wohnungen bauten,
Frankfurt, Hamburg und München zum Beispiel. Überall dort würden trotz der hohen Bautätigkeit die Mieten noch stärker steigen als in Stuttgart. Die Antwort heißt für Kuhn daher, mehr geförderte
Wohnungen zu realisieren. 2017 seien immer hin 324 Sozialwohnungen genehmigt worden. Im Neckarparkentstünde 80 Prozent geförderter Wohnraum.

Mieterverein: Bei Leerstand härter durchgreifen

Die Stadt würde zudem systematisch beobachten, wo Wohnraum leer stünde, und mit den Eigentümern
reden. Das ist Zuhörerin Angelika Brautmeier, Geschäftsführerin vom Mieterverein Stuttgart,zu wenig.    Bei Falschparkern werde hart durchgegriffen, bei Wohnungsleerstand suche man lediglich das Gespräch. Sie kritisiert auch, dass es keine städtische Wohnbedarfsanalyse gebe. Der Mieterverein habe
zusammen mit Haus & Grund eine in Auftrag gegeben, ein Bedarf von 5000 Wohnungen jährlich in
Stuttgart sei das Ergebnis.

Göötz: Bedarf von 100 000 Wohnungen in zehn Jahren

100 000 Menschen würden in der Region in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen, sagt
Robert Göötz, Immobilienprofessor an der HfWU Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Allein um den Wohlstand zu halten, müsste diese Zahl an Beschäftigten von außerhalb der Region angeworben werden, 10 000 Wohnungen seien dafür jährlich notwendig.

Kuhn: Dann hat die Landeshauptstadt Stuttgart keine landwirtschaftlichen Flächen mehr

"5000 Wohnungen sind blanke Illusion", sagt Kuhn, etwa 1800 Einheiten seien die nächsten
zehn Jahre machbar. Er verweist darauf, dass er als OB alle städtischen Belange berücksichtigen müsse. Wenn zehn Jahre lang je 5000 Wohnungen gebaut würden, dann hätte die Stadt keine landwirtschaftlichen Flächen mehr und wäre nicht das Stuttgart, das die Menschen kennen und lieben würden.Das Stuttgarter Wohnungsproblem müsse als regionales Problem verstanden werden.

Hardt: Sympathie für die Hausbesetzer in Heslach

Uwe Hardt, Vorstand der Caritas, betont, wie schwierig es auch für seine Mitarbeiter sei, in Stuttgart
bezahlbaren Wohnraum zu finden. "Ein bisschen wundert es mich schon, dass mit Wohnraum
spekuliert wird."
Eigentümer würden Wohnungen leer stehen lassen und nur auf die Wertsteigerung setzen. Den
Hausbesetzern in Heslach bringt er Sympathie und Verständnis entgegen. Sie würden auf ein Problem
aufmerksam machen. "Hausbesetzung hat es schon immer gegeben",stellt der OB fest.

Bosch: Bezahlbarer Neubau ist nicht mehr möglich

Moderator Hahn verweist auf die stark gestiegenen Kaufpreise. Bezahlbaren Wohnraum zu bauen, sei gar nicht mehr möglich, kontert MarcBosch, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands IWS Immobilienwirtschaft Stuttgart. Die reinen Baukosten - ohne Grundstück, Bauträgermarge
und Kosten der Planung - würden bei etwa 2800 bis 3000 Euro liegen.

Als Beispiele für die stark gestiegenen Kosten nennt er Tiefgaragen für Fahrräder und den Artenschutz. Sein Arbeitgeber, die Wüstenrot Haus und Städtebau, müsse ein leeres Habitat für Eidechsen 20 Jahre lang unterhalten, obwohl die einst gesichteten zwei oder vier Eidechsen, so genau kennt man die Zahl nicht, nicht mehr auffindbar waren.

Dies kostet 250 000 Euro. Weitere 100 000 Euro kostet beim gleichen Bauvorhaben der Schutz eines Baumes. "Das Hauptproblem: Bauen ist ein hochspekulativer Akt", meint Kuhn.

Göötz: Wenn die Städte voll sind, beginnt die Verdrängung

Durch die Weigerung, mehr Wohnraum zu bauen, würde ein Urteil getroffen,wie viele Menschen in die Stadt dürfen, kritisiert Göötz. Und wenn die Stadt voll sei, beginne die Umverteilung, die Verdrängung
der wirtschaftlich Schwächeren. Dabei seien es gerade diese, die beispielsweise als Krankenschwestern oder Müllwerker, das öffentliche Leben erst ermöglichten.

Hardt: Ich wünsche mir mehr Baugrundstücke

Mehr Zusammenarbeit in der Region zur Lösung des Wohnungsproblems fordert Göötz. Gerade an den Schnittstellen zweier Kommunen müssten auch in den Außenbereichen neue Baugrundstücke
ausgewiesen werden. Die benötigte Infrastruktur könnten die Kommunen dann gemeinsam schaffen. "Ich wünsche mir mehr Baugrundstücke auch in den Außenbezirken", sagt auch Caritas-Vorstand Hardt. Und erstellt die Frage: "Brauchen wir ein Mietpreisobergrenzengesetz?" Auch dafür gibt es Applaus vom Publikum.

 

Mit freundlicher Genehmigung des Immobilienblatts Stuttgart, Seite 7, Ausgabe 237, 08.05.2018