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Stand: 11.11.2015

Interview

Wohnungsnot treibt in die Altersarmut

Bild Uwe Hardt

Herr Hardt, stimmt es, dass die Angebote der Caritas zunehmend von Menschen aus der Mittelschicht genutzt werden?

Ja, in den vergangenen fünf Jahren hat das dramatisch zugenommen. Eigentlich wenig verwunderlich, wenn man sich den Anstieg der Mieten und Wohnungspreise ansieht. Auch in der Schuldnerberatung und in Beratungsstellen bei der Wohnraumsuche tauchen vermehrt Menschen auf, die aus der sogenannten Mittelschicht stammen - Normalverdiener mit Beruf und Familie.

Was sind deren Sorgen?

Diese Leute können aufgrund der hohen Wohnkosten ihre Familien nicht mehr richtig versorgen. Junge Familien in Stuttgart überlegen sich inzwischen ganz genau, wie viele Kinder sie sich leisten können.

Wie geraten die Menschen in eine derart prekäre Lage?

Nehmen Sie eine Familie mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von etwa 2500 Euro, um gar nicht von Alleinerziehenden und Geringverdienern zu sprechen. Dann muss sie ganz schnell die Hälfte dieser Summe oder noch mehr fürs Wohnen ausgeben.

Am Ende bleibt der Familie nicht mehr Geld übrig, als würde sie Sozialhilfe beziehen. Abgesehen davon, dass sich die Familien kaum noch ein Auto oder einen Urlaub leisten können, kommt da ganz schnell das Thema Bildungsungerechtigkeit und soziale Ausgrenzung ins Spiel. Es ist dann eben nicht mehr möglich, ein Instrument zu kaufen und die Kinder regelmäßig in den Musikunterricht zu bringen. Und: Probleme wie eine schwere Krankheit oder einen Pflegefall könnten sich solche Familie erst gar nicht leisten. Eine Trennung der Eltern etwa führt direkt in die Armut.

Was ist die Konsequenz daraus?

Die Situation darf so nicht bleiben. Es geht um Gerechtigkeit. Daher muss Stuttgart als Landeshauptstadt in der Wohnungspolitik deutlich mehr tun, als das bisher der Fall war. Ich habe den Eindruck, im Rathaus will man das Problem aussitzen. Es ist schlimm zu sehen, wie wenig Stuttgart im Vergleich mit München, Hamburg oder Frankfurt für den sozialen Wohnungsbau ausgibt.

Was sind die langfristigen Folgen der hohen Wohnkosten?

Es bleibt kein Geld, um fürs Alter vorzusorgen. Es bauen sich allenfalls Schulden auf. Altersarmut ist vorprogrammiert, wenn man dann noch eine niedrige Rente bezieht. Wenn eine Familie im Monat nur wenige Hundert Euro zur freien Verfügung hat, kann sie keine private Vorsorge betreiben, was aber nötig wäre. Speziell die Frauen, die in der Zeit der Familiengründung beruflich oft zurückstecken, sind dann die Gelackmeierten. Die zu hohen Kosten für das Wohnen sind daher einer der stärksten Faktoren, der Menschen in die Altersarmut treibt.

Die Immobilienpreise und Mieten werden mit den überdurchschnittlichen Einkommen in der heimischen Industrie gerechtfertigt. Geht diese Rechnung auf?

Das ist Quatsch. Natürlich werden von einigen Firmen gute Löhne gezahlt. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich viele Betriebe schon heute schwertun, Mitarbeiter zu finden, da die Bewerber sich in Stuttgart auch mit einem ordentlichen Gehalt keine Wohnung leisten können.

Die Caritas hat allein in Stuttgart 1800 Mitarbeiter. Schaffen Sie es, offene Stellen zu besetzen?

Nein nicht immer, das stellt uns echt vor Probleme. Wir haben rund 600 Beschäftigte allein in der Altenpflege. Leider liegen die Nettoeinkommen hier nicht über 2500 Euro. Es ist daher unmöglich geworden, Menschen von außerhalb nach Stuttgart zu holen, um offene Stellen zu besetzen.

Sie regen sich bei diesem Thema richtig auf?

Mich ärgert der Zynismus vieler Politiker. Wenn die mit Floskeln kommen wie: "Stuttgart war schon immer eine Stadt von Pendlern", dann rege ich mich richtig auf. Es ist völlig irrsinnig zu glauben, dass Altenpfleger, Erzieher oder Sozialarbeiter nach Stuttgart einpendeln, um hier zu arbeiten. Diese Berufe sind in Regionen, in denen das Wohnen deutlich günstiger ist, ebenso gefragt.

Wohin entwickelt sich die Stadt?

Wenn das so weitergeht, gibt es in Stuttgart irgendwann nur noch Menschen, die sehr viel Geld haben. Doch es wird dann niemanden mehr geben, der die reichen Leute versorgt. Denn eines dürfen Sie nicht vergessen. Viele Pflege- und Dienstleistungsberufe werden zu einem großen Teil in Teilzeit ausgeübt. Speziell in der häuslichen Altenpflege gibt es fast keine Vollzeitkräfte. Aber wenn es schon sehr schwer ist, von einem vollen Altenpflegergehalt in Stuttgart zu wohnen, so ist es mit einem Teilzeitgehalt unmöglich.

Was macht eine solche Entwicklung mit einer Gesellschaft?

Nicht jeder muss auf dem Killesberg wohnen. Es muss aber jeder die Möglichkeit haben, in derselben Stadt zu leben. Daher müssen wir die Idee der sozialen Stadt weiterentwickeln, denn sobald es Gegenden gibt, in denen die soziale Infrastruktur nicht mehr vorhanden ist, wo es keinen Spielplatz mehr gibt, wo es keine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und keine Nahversorgung mehr gibt, fühlen sich die Menschen, die dort wohnen müssen, abgehängt. Das ist der Nährboden für Populisten.

Schauen wir auf die Menschen, die in Ihren Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe landen. Wie sind deren Chancen, es wieder aus diesem System hinauszuschaffen?

Das ist meist leider aussichtslos, wenn man bedenkt, dass eine Sozialwohnung in Stuttgart bis zu unbezahlbaren neun Euro Kaltmiete pro Quadratmeter kosten darf. Die Folge ist, unser System ist komplett verstopft. Der Andrang ist immens, der Abfluss aus dem System hingegen fast nicht vorhanden. Es stehen einfach viel zu wenig Wohnungen für diese Menschen bereit.

Von wie vielen Menschen reden wir?

Im System der Wohnungslosenhilfe sind in Stuttgart rund 2000 Menschen. Für die Wohnungslosenhilfe gibt es in der Stadt ein Sonderkontingent an Wohnungen. Wir sprechen über 20 Einheiten. Als großer Träger bekommt der Caritasverband zwei dieser 20 Wohnungen pro Jahr.

Was müsste die Stadt aus Ihrer Sicht tun?

Es werden keine neuen Flächen für den Wohnungsbau ausgewiesen. Stuttgart beschränkt sich allein auf die Innenentwicklung. Das wird aber hinten und vorne nicht reichen, um das Problem zu lösen und den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum auch nur annähernd zu befriedigen. Darauf zu setzen, dass Stuttgart irgendwann Einwohner verliert und der Bedarf vielleicht wieder sinkt, ist viel zu wenig. Es muss alles getan werden, damit die Schere aus langsam steigenden Löhnen und rasant steigenden Mieten nicht noch weiter auseinandergeht. Klar ist: Ein größeres Angebot an Wohnraum würde die Situation deutlich entspannen. Und es ist auch keine Option, beim Thema Wohnungsbau immer auf die heutigen Gleisflächen zu schielen, die durch Stuttgart 21 einmal frei werden sollen. Die kommen deutlich zu spät.

 

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Nachrichten. (Nr.203, Samstag/Sonntag, 2./3. September 2017)
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Wohnungsnot treibt in die Altersarmut

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